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26.08.2026 · 3 min

Scalable startet Agentic Investing: Folgen für Finanzprofis

Scalable Capital erlaubt den Zugriff externer KI-Assistenten auf Kundendepots. Das verändert den Wettbewerb für Banken, Berater und Broker.

Was passiert ist

Am 25. August 2026 hat Scalable Capital unter dem Namen „Agentic Investing“ eine neue Funktion gestartet. Kundinnen und Kunden des deutschen Neobrokers können ihr Depot mit einem externen KI-Assistenten verknüpfen. Zur Auswahl stehen ChatGPT von OpenAI, Claude von Anthropic und Grok. Die Nutzerin oder der Nutzer kann Wertpapiergeschäfte per Prompt anstoßen, also mit natürlicher Sprache Orders auslösen. Laut Unternehmen ist Scalable Capital die erste Bank in Europa, die diesen Schritt geht. Quelle: trendingtopics.eu.

Warum es jetzt für die Finanzbranche zählt

Aus meiner Sicht ist das kein Marketing-Gag, sondern ein Signal an den Markt. Es verschiebt die Schnittstelle zwischen Anleger und Börse grundlegend. Bisher waren Orderausführung und Beratung getrennt: Die Bank oder der Broker hat die Infrastruktur, die Beraterin oder der Berater liefert die Einordnung. Jetzt übernimmt ein KI-Modell beides. Und zwar eines, das weder unter der Aufsicht der Bank noch unter der eines regulierten Beraters steht.

Häufiges Muster: Junge Anleger vertrauen bereits heute Chatbots mehr als dem klassischen Bankberater. Scalable Capital bedient dieses Muster konsequent. Typisches Beispiel: Eine Nutzerin fragt bei Claude nach, ob sie Tesla-Aktien kaufen soll, und das System führt den Kauf direkt im Depot aus. Ohne Zwischenschritt. Ohne Beratungsprotokoll.

Für die gesamte Finanzbranche in Österreich und der EU ergeben sich daraus drei kritische Fragen.

Erstens: Wer trägt die Verantwortung? Nach MiFID II müssen Wertpapierdienstleistungen geeignet sein. Eine reine Orderausführung ohne Beratung ist zulässig, aber sobald der KI-Assistent Empfehlungen ausspricht, wird die Grenze zur Anlageberatung überschritten. Scalable Capital argumentiert vermutlich, dass die KI nur ausführt, was die Kundin verlangt. Doch die Praxis wird anders aussehen: Die Modelle geben aktiv Tipps, bewerten Titel, schlagen Umschichtungen vor. Damit entsteht ein regulatorischer Graubereich, den weder BaFin noch FMA bisher abschließend geklärt haben.

Zweitens: Was passiert bei Fehlern? Ein Large Language Model kann halluzinieren, falsche Kurse nennen, eine Order doppelt auslösen. Wenn das passiert, haftet wer? Der Anbieter des Modells hat in den Nutzungsbedingungen jede Haftung ausgeschlossen. Der Neobroker verweist auf die Eigenverantwortung der Kundin. Die Kundin hat den Schaden. Das ist ein Risiko, das sich nicht wegdiskutieren lässt. Für unabhängige Finanzberater ist das eine Steilvorlage: Sie können genau diesen Kontrollverlust adressieren.

Drittens: Wie reagieren etablierte Anbieter? Scalable Capital hat über eine Million Kunden in Europa. Wenn das Modell erfolgreich ist, werden andere Neobroker und FinTechs nachziehen. Trade Republic, Flatex, Dadat in Österreich, auch klassische Banken wie Erste Bank oder Raiffeisen werden sich überlegen müssen, ob sie ähnliche Schnittstellen öffnen. Wer das nicht tut, verliert die jüngere Zielgruppe. Wer es tut, übernimmt erhebliche Rechts- und Reputationsrisiken.

Konkrete Handlungsempfehlungen für Finanz-KMU

Für unabhängige Finanzberaterinnen und Vermögensverwalter: Stellen Sie Ihr Leistungsversprechen um. Sie können nicht mit der Geschwindigkeit eines KI-Agenten konkurrieren. Aber Sie können mit Risikomanagement, langfristiger Planung und emotionaler Begleitung punkten. Dokumentieren Sie Ihre Beratung lückenlos und machen Sie den Unterschied sichtbar: Die KI führt aus, Sie verantworten.

Für RegTech- und Compliance-Anbieter: Entwickeln Sie Werkzeuge für die Überwachung von KI-generierten Handelsaufträgen. Gefragt sind Audit-Trails, die jeden Prompt und jede Order verknüpfen, sowie Erklärbarkeits-Module, die nachvollziehbar machen, warum das Modell eine bestimmte Aktion vorgeschlagen hat. Das ist ein wachsender Markt, denn die Aufsichtsbehörden werden früher oder später klare Anforderungen stellen.

Für FinTechs und Broker, die selbst überlegen, externe KI anzubinden: Bauen Sie technische Schutzmechanismen ein. Ein Kill-Switch, der Orders stoppt, wenn der KI-Assistent ungewöhnlich viele Transaktionen vorschlägt. Eine Obergrenze für Einzelorders. Eine Verzögerung von wenigen Sekunden, die Raum für eine menschliche Bestätigung lässt. Und klären Sie vertraglich, wer bei Fehlern des KI-Modells haftet. Ohne solche Leitplanken wird das erste negative Medienecho zum Vertrauensverlust für den gesamten Sektor.

Mein Rat: Beobachten Sie die Reaktionen der Aufsicht genau. Die BaFin hat sich zu Scalable Capital noch nicht geäußert, die FMA wird nachziehen. In den nächsten Monaten werden wir Klarstellungen sehen, wie Agentic Investing regulatorisch einzuordnen ist. Bis dahin gilt für alle Finanzdienstleister: nicht kopflos nachmachen, sondern die eigenen Prozesse prüfen und den Kunden aktiv erklären, wo die Grenzen liegen.

Abschließend: Scalable Capital hat eine Tür aufgestoßen, die sich nicht mehr schließen lässt. Die Technologie ist da, die Nachfrage ist da. Die Antwort der etablierten Finanzbranche darf nicht aus Angst bestehen, sondern aus klarer Positionierung. Wer heute seine Beratungsleistung stärkt und technische Kontrolle aufbaut, wird von dieser Entwicklung profitieren. Wer zuwartet, läuft Gefahr, von einem Sprachmodell überholt zu werden.